Monatsinspiration April – Aparigraha, und warum Helfen glücklich macht

Wann hast du dich das letzte Mal so richtig erfüllt und glücklich gefühlt? Nimm dir mal 5 Minuten Zeit und denke darüber nach…
Bei mir war das z.B letzten Sommer, als ich mit meinem 14-jährigen Sohn mit einem Wohnmobil quer durch Deutschland gereist bin. Er schlief morgens lang aus und ich schnappte mir meine Yogamatte und praktizierte an irgendeinem wunderschönen Ort mitten in der Natur Yoga. Mir hat es in solch einem Moment an nichts gefehlt. Oder wenn ich mit Nala lange Spaziergänge am Meer mache – ich kann da so wunderbar abschalten und alles fließen lassen. Wenn ich an die Abschlusszeremonie der letzten Yogalehrer*innen-Ausbildung denke, wird mir noch immer so warm ums Herz. Ich durfte mich vor alle hinsetzen und von jedem/jeder der neuen Yogalehrer*innen bekam ich ein Feedback, welches mich zu Tränen rührte.

Selten spielen materielle Dinge eine Rolle, wenn ich glücklich und erfüllt bin.
Was alle Situationen bei mir gemein haben, ist dieses „Alles-Ist-Da-Gefühl“. Ich brauche gerade nichts. Kein „Haben-Wollen“.

Es wäre schön, wenn es immer so wäre, aber das ist es nicht. Wie oft denke und fühle ich, dass ich etwas noch brauche, um…

  • Eine noch bessere Yogalehrerin zu werden -> die nächste Aus- oder Weiterbildung, das nächste Coaching

  • Eine bessere Mutter zu sein -> mehr Zeit, ausgeglichener sein

  • Einen gesünderen Körper zu haben -> mehr Zeit für Yoga, Fitness, Laufen, gesündere

    Ernährung, jeden Tag frisch Kochen mit regionalen Bio – Lebensmitteln

  • Eine bessere Freundin sein -> aufmerksamer sein, mich öfter melden, mehr Zeit

  • Einen schöneren Garten zu haben -> Zeit, Wissen, Geld

  • usw. -> die Liste könnte ich beliebig weiterführen

Wie geht es dir? Kennst du das?

In diesen Momenten befinden wir uns im Mangelzustand. Und wenn ich ganz ehrlich bin, halte ich mich hierin sehr oft auf. Natürlich möchten wir, dass es uns besser geht und dieses „Mangel-Loch“ irgendwie gefüllt wird und fangen an, Dinge haben zu wollen – meist von den anderen. In der Hoffnung, dass es uns dann besser geht. Und das sind meist nicht unbedingt materielle Dinge, sondern Nicht-Materielle wie: Aufmerksamkeit, Zeit, Liebe, Anerkennung und Wertschätzung. Aber natürlich auch materielle Dinge – Kleidung (die nächste Yogalegging…), das neuste iPhone, Dekoartikel, das schönere Auto, Fahrrad, der nächste Online-Kurs, die 375te Weiterbildung, der noch tollere Urlaub und, und, und…

Und daran ist auch erstmal nichts verkehrt. Nur wirklich glücklich und erfüllt macht es uns nicht, oder? Und leider geht dieses „Mehr-Haben-Wollen“ meist auf Kosten der anderen.

Der alte Yogagelehrte Patanjali hat uns schon vor einigen hundert Jahren in einem Teil seiner Yogasutren ein paar Verhaltenstipps gegeben, wie wir mit unseren Mitlebewesen und unserer Erde umgehen sollten. Und dass dieser Umgang einen direkten Einfluss auf unser Glücks- und Erfüllungsempfinden hat. Einer der bekanntesten Vorschläge für den Weg eines/einer Yoga- Praktizierenden, auf den sich auch die meisten modernen Yoga-Methoden beziehen, ist das erste Glied des sogenannten achtgliedrige Pfades (was auch an und für sich schon interessant ist…) – die Yamas:

  • Ahimsa: Gewaltlosigkeit, nicht verletzen

  • Satya: Wahrhaftigkeit

  • Asteya: Nicht stehlen

  • Brahmacarya: Abstinenz; Kontrolle über oder Nicht-Missbrauchen sexueller Energie

  • Aparigrahaḥ: Nicht gierig bzw. habgierig sein

R. Sriram* nennt die Yamas einen „Konsens, der uns helfen kann, eine Atmosphäre zu kreieren, in der ein friedliches Miteinander erst möglich wird.“

Und nun wieder zum „Mehr-Haben-Wollen“ oder auch zur „Gier“, im Sanskrit aparigrahaḥ genannt.

aparigraha-sthairye janma-kathaṁtā-sambodhaḥ
(PYS II.39)


Wenn man selbstlos wird und aufhört, mehr zu nehmen, als man braucht, erlangt man das Wissen, warum man geboren wurde.
(Übersetzung von Sharon Gannon)

 

Ausschweifender Konsum, der ständige Wunsch nach Anhäufung von Dingen, ist oft eine Form von Kompensation.
Hast du Gefühle, die du gerne übertünchen möchtest oder willst du über ständig neue Klamotten eine Außenwirkung kreieren, um anderen zu gefallen? Wenn du dich in aparigrahaḥ übst, wirst du dich öfter fragen, was du wirklich brauchst und damit achtsamer mit deinen Ressourcen – und denen der Erde – umgehen.

Als Menschen gehen wir ständig Beziehungen ein, mit Individuen, aber auch mit dem Kollektiv. aparigrahaḥ – das nicht-Anhaften an materiellem Besitz – zu üben, bedeutet in der Konsequenz auch, freigiebiger und solidarischer zu sein.
Wir versuchen, unser Ego, unsere Anhaftungen an Dingen im Zaum zu halten und nicht mehr zu nehmen, als wir brauchen. Stattdessen wollen wir das teilen, was wir haben. Materielle Besitztümer balsamieren das Ego und werden oft zur Abgrenzung genutzt. Auf dem Weg zu Yoga sind Besitztümer nicht nur völlig unwichtig. All diese Abgrenzung wird zum Hindernis, denn sie baut Unterschiede auf, statt für Einheit zu sorgen (die wir beim Yoga ja eigentlich erreichen wollen).
Das heißt nicht, dass du dir keine hübsche Yogaleggings wünschen darfst. Aber vielleicht hänge nicht dein Herz so sehr daran, dass du denkst, dass du nie wieder Asana üben kannst, wenn du nicht genau diese Hose dabei trägst. Oder dass die Welt untergeht, wenn sie ein Loch bekommt. Und überlege, wie viele davon du wirklich brauchst.

Wie kann ich aparigrahaḥ üben?
Kennst du dieses gute Gefühl, wenn du jemanden geholfen oder unterstützt hast? Ich frage z.B. die Straßenzeitungs-Verkäuferin an unserem Supermarkt jedes Mal, ob ich ihr was mitbringen darf. Mal ist es eine Laugenstange, mal ein Cappuccino oder ein Wasser. Mir wird es ganz warm ums Herz, wenn ich ihre strahlenden Augen sehe und gehe dann selbst mit einem Strahlen davon. Es bringt mir z.B. auch unheimlich Spaß, jemanden ein Geschenk zu machen, ein Lob weiterzugeben, selbst jemanden Anerkennung zu schenken und die Spenden, die wir in unserer Yogaschule dank eurer großzügigen Unterstützung sammeln, an das St. Franziskus Krankenhaus oder auch an das Katharinen Hospiz weiterzugeben. Helfen, Unterstützen und für andere da sein, beflügelt irgendwie, macht leicht und gibt uns Energie.

Helfen verbindet. Und macht glücklich.
Mein Tipp also: übe dich in Freigiebigkeit. Sei solidarisch und gebe von dem ab, was du hast. Und es muss nichts Materielles sein. Schenke einer Person deine Zeit (von der 90% der erwachsenen Menschen Deutschland glauben, dass sie zu wenig davon haben), unternehme was mit deinen Kindern, koche für Freunde, schau, ob du ehrenamtlich tätig werden kannst. Und falls du noch Ideen brauchst, hier findest du 67 Dinge, die du für andere tun kannst: https://www.careelite.de/menschen-helfen-tipps/

Wir freuen uns im April auf dich – und darauf, mit dir in unseren Yogastunden auf eine „aparigrahaḥ-Entdeckungsreise“ zu gehen!

Lovelove und einen happy April!
Katharina

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